Bühne des Kapitels / Moduls
Die psychologische Dimension von Radikalität, Extremismus und Terrorismus
3.3 Prozesse der Radikalisierung
Inhalt des Kapitels / Moduls
Des Weiteren führt Beelmann andere Risikofaktoren aus dem Bereich sozial-kognitiver Kompetenzen auf: Eine geringe Fähigkeit oder Bereitschaft zu Empathie und zur Perspektivübernahme erhöht demnach das Risiko der Radikalisierung. Dasselbe gilt für geringe kognitive Grundfertigkeiten und geringes Wissen, besonders bezüglich gesellschaftlicher oder politischer Fragen, Defizite in der Moralentwicklung und der moralischen Werteeinstellungen. Die Tendenz zur Verzerrung der Informationsverarbeitung (z. B. Attributionsfehler, fehlerhafte Wahrnehmung von Ungerechtigkeit), ein Bedrohungserleben (z. B. Ängste vor sozialem Abstieg) sowie eine Schwarz-Weiß-Weltsicht (die Menschen in „Freund“ und „Feind“ bzw. „gut“ und „böse“ unterteilt) begünstigt der Forschung zufolge eine erhöhte Radikalisierungsanfälligkeit und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele befürwortet wird.
Die sozialen Lernerfahrungen, die Menschen mit Mitgliedern fremder sozialer Gruppen machen, können aber das Risiko einer Radikalisierung verringern. Wenn solche Intergruppen-Erfahrungen fehlen oder schlimmstenfalls negativ ausfallen, können massive Vorurteile entstehen. Gleichzeitig können positive Kontakterfahrungen schützend gegen Radikalisierung wirken. Geringe soziale Kompetenz hat als allgemeiner Risikofaktor einen entscheidenden Einfluss auf die Auswirkung der sozialen Lernerfahrung. Sehr problematisch für das Radikalisierungsrisiko sind Kontakte zu verhaltensauffälligen oder extremistischen Peergruppen, ob real oder über digitale Medien. „Schlechter Umgang“ ist einerseits Folge von problematischen Startbedingungen, erhört anderseits das Risiko für Radikalisierung enorm.
Bezüglich der Rolle problematischer Persönlichkeitsmerkmale führt Beelmann auf, dass es einen Zusammenhang zwischen extremistischen Einstellungen und sozialer Dominanzorientierung und Autoritarismus gibt. Ebenso werden eher allgemeine Risikofaktoren für gewalttätiges Verhalten als Einflüsse aufgeführt: Impulsivität und die Suche nach einem „Kick“ (d. h. Sensation bzw. Thrill Seeking). Weiterhin geht Beelmann davon aus, dass eine erhöhte Ungerechtigkeitssensibilität, also eine erhöhte Aufmerksamkeit und Beschäftigung mit wahrgenommener Ungerechtigkeit gegenüber der sozialen Eigengruppe, als Risikofaktor gewertet werden kann, auch wenn diese These noch nicht ausreichend überprüft ist.
Diese und weitere in der Literatur vorzufindenden Risiko- sowie Schutzfaktoren sind allerdings im Zusammenhang mit Radikalisierung keinesfalls sichere Indikatoren für Anfälligkeit oder Resilienz. Die Risikofaktoren werden zwar immer wieder bei radikalisierten Personen beobachtet, stellen allerdings keine spezifischen Merkmale der Radikalisierung dar. Das Konzept der Risiko- und Schutzfaktoren genießt allerdings in der Praxis eine große Akzeptanz, da es Argumente für die Ausdehnung des Arbeitsfeldes der Extremismusprävention auf Vorfeldbereiche liefert.
In der Präventionspraxis werden des Weiteren auch andere niedrigschwellige Indikatoren für Radikalität oder für Anfälligkeit zu Hilfe genommen, um eine Einschätzung der Person vorzunehmen und/oder um eine „Indikation“ zu untermauern, die eine Aufnahme dieser Person in das entsprechende Präventionsprogramm rechtfertigen. Dabei werden in der Regel die Einstellungen der Person geprüft, vorhandene biografische Informationen interpretiert und Aussagen über relevante Persönlichkeitsmerkmale getroffen.
Bei dieser Bewertungsarbeit stützen sich Praktikerinnen und Praktiker zum einen auf ihre pädagogischen Erfahrungen, zum anderen auf die oben geschilderten Erkenntnisse der Radikalisierungsforschung über Risikofaktoren. Aussagen über die Güte dieser in der Praxis stattfindenden Bewertungsarbeit sind in den einschlägigen Literaturdatenbanken selten zu finden, da in diesem Bereich kaum evaluiert und publiziert wird.
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Struktur und Informationen zum Kapitel / Modul
Fussnoten
1)
Vgl. Knefel 2013.
2)
Suedfeld/Tetlock/Streufert 1992; Lloyd/Dean 2015.
3)
Hillmann 2007, 122.
4)
Lenzen 2015, 16.
5)
Vgl. Decker/Kiess/Brähler 2016.
6)
Vgl. Decker/Brähler 2018.
7)
Vgl. Frindte et al. 2011.
8)
Deutscher Bundestag 2018.
9)
Vgl. Simcox/Dyer 2013.
10)
Crenshaw 1998.
11)
In diesem Zusammenhang sind drei Hypothesen bekannt: 1) Nach der Frustrations-Aggressionshypothese spielt eine Frustration bezüglich politischer, ökonomischer und personeller Ziele und Bedürfnisse eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung. 2) Die Hypothese der negativen Identität betont die Rolle von Wutgefühlen und Hilflosigkeit im Angesicht des Mangels an Alternativen. 3) Die Hypothese der narzisstischen Wut lenkt den Fokus auf das unterentwickelte „Selbst“, welches die Phase des primären Narzissmus im Laufe der Entwicklung nicht überwindet (Transition zum erwachsenen Selbst).
12)
Vgl. Richardson 2007.
13)
Vgl. Lipset/Raab 1971.
14)
Vgl. Beelmann 2017.
15)
Übersetzung von Sadowski et al.
16)
Vgl. Rieger/Frischlich/Bente 2013.
17)
Vgl. Jensen/LaFree 2016.
18)
Innenministerkonferenz 2016.
19)
Vgl. Richardson 2007.
20)
Kruglanski/Bélanger/Gelfand/Gunaratna/Hettiarachchi/Reinares/Orehek/Sasota/Sharvit 2013, 559-575.
21)
Vgl. Lützinger 2010.
22)
Vgl. Bjørgo/Horgan 2009.
23)
Vgl. Lützinger 2010.
24)
Bjørgo 2002.
25)
Vgl. Horgan 2009.
26)
Vgl. Rieger/Frischlich/Bente 2013.
27)
Vgl. Horgan 2009.
28)
Bjørgo/Horgan 2009; Horgan 2009.
29)
Coolsaet/de Swielande 2008, 155 folgend.
30)
Vgl. Beam 1983.
31)
Horgan et al. 2016.
32)
Vgl. Bannenberg 2016.
33)
Giebel/Rossegger/Seewald/Endrass 2014, 323-332.
34)
Horgan/Gill/Bouhana/Silver/Corner 2016, Abschlussbericht für das Department of Justice der USA.
35)
Vgl. Gill/Corner 2017.
36)
Vgl. Demant et al. 2008.
37)
Vgl. Klandermans 1997.
38)
Vgl. Rommelspacher 2006.
39)
Horgan 2009; Demant et al. 2008.
40)
Altier/Boyle et al. 2017, 305 ff.
41)
Vgl. Cronin 2011.
42)
Siehe hierzu die Arbeiten von Schiffauer, z. B. 2008.
43)
Frischlich et al. 2017.
Literatur
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